entschleunigung

Wie man durch Entschleunigung an Lebensqualität gewinnen kann

Animiert durch Short Stories #7 von „Was eigenes“ nehme ich Euch heute mit auf meine persönliche Bedeutungsklärung des Begriffes und gewähre Euch Einblick in meine Version der Entschleunigung.

Wider der Eigendynamik

Laut Wiki´s Definition beschreibt der Begriff „Entschleunigung“ umgangssprachlich ein Verhalten, aktiv der beruflichen und privaten Beschleunigung des Lebens gegenzusteuern. Der Begriff, der erstmals 1979 in einem Buch von Jürgen vom Scheidt auftauchte, basiert auf einer Idee aus dem 19. Jahrhundert (Tempolimit für Eisenbahnen!).

Heute steht Entschleunigung der Eigendynamik der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, der beruflicher Komplexität und Effektivität, Hektik und sinnloser Hast entgegen, die auf alle unsere Lebensbereiche wirkt und unseren ganz eigenen Takt ignoriert. Entschleunigung will uns anhalten wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren.

LangsamkeitLangsamkeit ist kein Selbstzweck, sondern die angemessene Geschwindigkeit im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur. Entschleunigung gewinnt zunehmend an Bedeutung zur Stressbewältigung sowie der interdisziplinär angelegten Glücksforschung und Gesundheitsförderung.

Nun also mit Faulheit und Muße den Fluss der Zeit anhalten?

Bei einer kleinen Rücknahme der Beschleunigung braucht niemand eine Drosselung der gewohnten Geschwindigkeit zu fürchten. Radikal auf die Bremse treten ist nicht der Inhalt von Entschleunigung, denn Verlangsamung würde das Fortschrittsdenken in Frage stellen. Und entwickeln wollen wir uns ja, ökonomisch, ökologisch, sozial, kulturell, persönlich….

Entsprechend vielseitig können persönliche Entschleunigungsmaßnahmen sein: (Quelle: Wikipedia)

  • die Enthaltsamkeit (Askese),
  • die Führung eines einfachen Lebens,
  • allgemeiner im biologischen Sinne auch alles, was den Energie- und Stoffumsatz verringern hilft.

In sozialer und kultureller Perspektive entwickeln sich Maßnahmen, welche sich unter dem Begriff der Slow-Bewegung zusammenfassen lassen:

  • Slowfood, langsames und genussvolles Essen;
  • Cittàslow, Steigerung der Lebensqualität in Städten;
  • Slowretail, für Läden und Handel mit mehr Wert.
  • Slow Travel, bewusstes Reisen, Verzicht auf Pauschaltourismus und schnelle Fortbewegungsmittel
  • Slowfashion, nachhaltig und fair produzierte, langlebige Modeprodukte

Zeiterfahrung

Wir leben in rastlosen Zeiten. Aber Einklagen des Rechtes auf Faulheit und sofortiger Abschied vom Turbokapitalismus mit seinem exponentiellem Wachstum im linearen Zeitmodell? – Ein alter Hut! Den hat sich Paul Lafargue mit seinem literarischen Werk « Le droit à la paresse» 1880 übergestülpt.

Lafargue kritisiert in seiner Schrift die ideologischen, bürgerlichen und kapitalistischen Grundlagen: „Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht“. Diese Auffassung von Arbeit verurteilt den Arbeiter zur Rolle einer Maschine – pausenlos und gnadenlos 12 Stunden am Tag Arbeit schindend und erstickt Freude und Leidenschaft.

Lafargue sieht gesteigertes produktives Wachstum als Problem der Verelendung der arbeitenden Menschen. Also doch nicht so überholt der Gedanke Faulheit als Ausweg?

Mein persönlicher Weg der Entschleunigung

Leiste ich heute in Elternzeit „Zivilen Ungehorsam“ gegen die Verelendung der arbeitenden Bevölkerung?

ZeitNein, ich nutze meine kleine, persönliche „Eigenzeit“ (Ein in diesem Zusammenhang sehr passender Begriff aus der Soziologie, der einen Bogen zu Biologie und Psychologie schlägt):
Alle Vorgänge in der Natur, wie Wachstum oder Veränderung, brauchen eine bestimmte Zeit. Dies trifft auch auf den Zwerg und mich zu. Wir beide lernen. Täglich. Nachhaltig.

Meine Lernprozesse und auch die des Kurzen, der mir diese Entschleunigung erst ermöglicht, erfolgt in Lernphasen: Begreifen, Spielen, kreativ sein bis hin zum Anwenden des Gelernten (steht bei mir in Sachen Erwerbstätigkeit noch aus!).

Die Geburt meines Sohnes scheint in meinem Leben gerade eine regulierende Entwicklung darzustellen. Der Phasen des Niedergangs meiner beruflichen Laufbahn im Vertrieb und des gänzlichen Erliegens aller Erwerbstätigkeit für vorübergehende Zeit stehen Wachstums- und Blütezeiten im DIY und Web 2.0 entgegen. Auf meine Leistungen im Beruf folgt gerade nicht unbedingt eine Phase der Regeneration, eher der Reproduktion, eine sehr sensible Phasen bei Lebewesen in denen Entwicklungen überhaupt möglich sind.

Wohlstand durch Langsamkeit

Ich habe also „Ballast“ abgeworfen um mich zu entwickeln, Leidenschaften zu entdecken. Ich nutze gerade die Kreativität der Langsamkeit für Bildung und andere nachhaltige Entwicklungen.

Ich schätze diesen ungeahnten (Zeit-)Wohlstand. Einen immateriellen Wohlstand, der zwar nicht mehr persönliche Freizeit, aber Muße bringt, mir Zeitsouveränität schenkt und die subjektive Qualität der gelebten Zeit auch jenseits von Ferien, Wochenenden oder Feiertagen steigert – auch wenn er dem materiellen Wohlstand diametral entgegensteht.

Zeitnot betrifft mich selten. Ich benötige kein Zeitmanagement zur Effektivitätssteigerung. Mein Multitasking erreicht beim Kinderwagenschieben mit Latte Macchiato in der einen Hand und Smartphone in der anderen seine Grenzen.

Ich fordere deshalb (Eltern-)Zeit als Wohlstandsindikator stärker als bisher zu berücksichtigen!

Im Sinne einer ökologisch nachhaltigen Politik geht diese Forderung nach Zeit mit vergleichsweise geringem Verbrauch an natürlichen Ressourcen einher und führt drüber hinaus zu weniger Neid als auf Güterwohlstand, schwächt also soziale Ungleichheiten aus.

LangsamkeitEntschleunigtes Leben in der Elternzeit und der reflektierter Umgang mit Zeit könnte also soziale ausgleichende Entwicklungen anstossen und nebenbei ressourcenschonend kulturelle und nachhaltige persönliche Entwicklung ermöglichen. Garnicht so schlecht, oder?

 

Mich macht diese Form der Entschleunigung einfach glücklich!

Insofern: Kommt alle mal ein bisschen „runter“ vom Beschleunigungsstreifen des Lebens – Welche Massnahme ihr dafür auch immer wählen mögt…

Carpe Diem!

Advertisements

5 Kommentare

  1. Wow, das hast Du richtig gut beschrieben. Und Du kannst hoffentlich einige Erkenntnisse auch später im Berufsleben weiter umsetzen.

    Gefällt mir

  2. Interessanter Beitrag zum Thema… Entschleunigung hat für mich auch viel mit „Prioritäten setzen“ zu tun -und der Überlegung, ob eine Sache den „Streß wert ist“ … oder ob ein Innehalten mich nicht doch vielleicht weiter bringt… und ja: Kinder verändern die Sicht… zunächst wenn sie klein sind – und dann wenn sie groß sind und „flügge“ werden…

    Gefällt mir

    1. Danke Marion für deinen Kommentar. Mit dem Priorisieren und Innehalten tu´ich mich generell etwas schwer. Neben Kindern und Job ist das ranglose ALLES aber in der Tat zu viel! Die Kinder bescheerten mir -trotz Liebe zur Arbeit- längere Elternzeiten und ermöglichten mir erst die Zeit und Ruhe eine andere Sicht auf die Dinge zu entwickeln. Zumindest vermute ich unterdessen, was „den Stress nicht wert ist“! Denn sich immer schneller und schneller drehende Arbeitskarusell stoppte und ermöglicht mir den „Umstieg“ in eine anders wilde Achterbahnfahrt, deren Basisgeschwindigkeit bis zu der Moment des „Flügge werdens“ -vielleicht, irgendwie- anders steuerbar ist als ein Turbo-Vertriebsleben. Und vielleicht geht ein „Innehalten“ ja auch im langsam weitergehen und gucken….?

      Gefällt mir

      1. Mir fällt es auch immer noch schwer… ich wollte immer bei den Kindern 100% geben – und ebenso auf der Arbeit – das geht aber nicht, wenn z.B. ein Kind krank ist… man noch andere Verpflichtungen hat (Hund, Garten, Haushalt, …). Jetzt löst sich vieles langsam auf… die Kinder sind 15, 18, 20 – da ist es anderer Stress… aber das „Entschleunigen“ fällt definitiv leichter… Innehalten… geht vielleicht auch am Abend, um zu überlegen, was man am nächsten Tag anders (besser?) machen könnte… und frau darf sich halt nicht vergessen… ich glaube, das ist so typisch Mutter.. sich selbst einfach mal… vergessen?!

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s