Zeltinger Platz Berlin-Frohnau

Umgebung (Short Stories #4)

Manchmal findet eine Umgebung einen selbst – dann muss man seinen Ort nicht mehr suchen! Mein Ort hat mich als Kind behütet aufgenommen und als Erwachsene wiedergefunden. Er bietet mir und meiner Familie nun die perfekte Umgebung.

Anknüpfend an die Short Stories #4 von Was eigenes erzähl ich Euch nun von dieser wunderbaren Umgebung.

Mein Ort ist ein Dorf in Berlin. Dorf???? – Jupp, DORF! Als eines von 6 Dörfern bildet das Dorf das Fundament des nördlichsten aller Berliner Bezirke.

Frohnau Bahnhof

 

Begonnen hat die Geschichte meines Dorfes 1910 als Gartenstadt. Damals hat der oberschlesischer Kurfürst Donnersmark Land gekauft. Er ließ nach englischen Vorbild durch den Landschaftsarchitekten Ludwig Lesser ein Gesamtkonzept erarbeiten, schrieb einen städtebaulichen Wettbewerb aus und ließ zentral einen Vorortbahnhof im Jugendstil erbauen. Von den beiden an den Bahnhof anschließenden radialen Plätzen aus ließ er Haupterschließungsstraßen mit Alleebäumen anlegen.

S-Bahnhof Frohnau

Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges wurde jedoch nicht viel des parzellierten Baulandes verkauft – zu einer Bebauung des nordöstlichsten Teiles ist es bis heute nicht gekommen. Welch Glück: denn am Rande just dieses nach wie vor fast unbebauten Zipfels am Ende der großen Stadt leb ich nun.

Zeltinger Platz mit Kirche der Johannesgemeinde Kugelläuferin

Warum?

Weil meine Großeltern trotz Chruschtschows Berlin-Ultimatum den Mut besaßen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zonengrenze ein wunderschönes Grundstück mit einem familientauglichen Haus von einem die „Berlinflucht“ ergreifenden Pärchen (günstig!) zu erwerben und ihrer kleinen Familie ein Zuhaue im Grünen zu schaffen.

Beständig trotzten sie fortan der Mauer, die von 3 Seiten(!!!!) um sie gebaut wurde und dafür sorgte, dass ihr Kleinod im Grünen über lediglich 3 Strassen mit dem Rest Berlins verbunden blieb. Dies brachte über 27 Jahre lang täglich längere Wege mit sich. Von dieser Trotzigkeit und ihrem Mut profitierte ich als Kind in Betreuung bei meinen liebevollen Großeltern.

Zeltinger Platz

Nach dem Fall der Mauer erledigten sich zwar die Umwege. Aber die Ruhe jenseits der Hauptstrasse blieb. Oma allerdings konnte nicht ewig bleiben… Dafür kehrte ich zurück. Und ich fiel zunächst mal auf.

Wahrzeichen Casionturm

 

Mit Anfang 20 ist man noch ein Bewohner, der die Regeln der Spießigkeit erst einmal lernen muss. So brach ich gleich einen Haufen „dont´s“: parkte zwar ausschließlich vor dem eigenen Grundstück, legte aber anlässlich meines Einzug nicht jedem meiner Nachbarn meine Biographie vor.  Mein Einfluss auf den Altersdurchschnitt aber war deutlich spürbar.

In den letzen 10-15 Jahren hat sich in meinem Dorf viel getan. Heute mit Mitte 30 mit (nur) 2 kleinen Kindern nicht in der Lage am Altersdurchschnitt irgendwas zu ändern. Die Hälfte der Grundstücke sind nun im Besitz junger und beeindruckend kinderreicher Familien. Die Alten sind weitestgehend „ausgestorben“. Nichts desto trotz haben die „Schwarzen“ hier traditionell Wahlergebnisse, wie sonst nur die „Schwester“ im Freistaat.

70% der überwiegend Ein-und Zweifamilienhäuser sind Wohneigentum. Mein Dorf und seine „Parzellen“ sind heute sehr begehrt und nicht mehr günstig zu erstehen. Ganz im Gegenteil, wir sind in „Die Königsklasse der Berliner Immobilienstandorte“ aufgerückt (Quelle: Wohltorf Immobilenmarktbericht 2014).

Beste Lage

Warum?

Meine Umgebung ist immer noch grün, das Gartenstadt Konzept nicht zersiedelt erhalten, der einstige Vorortbahnhof an der „Nordbahn“ immer noch die perfekte Verbindung ins quirlige „Berlin“. Hier ist die Ruhe, Bieder- und  Spießigkeit immer noch daheim und kann jenseits des Klöns am Zaun des gepflegten Vorgartens bei den vielen Sport- und Freizeitmöglichkeiten oder auch zwischen Einzelhandel und Gastronomie rund um die Plätze entspannt gepflegt werden: die Generation „Latte Macchiato“ auf der einen Seite der Brücke – Die Tortenfraktion auf der anderen Brückenseite!

Irgendwo dazwischen bin dann ich Spießbürger und fühl mich wohl!

Und die Zukunft des Dorfes an Rande der Stadt vergnügt sich derweil auf dem Märchenspielplatz.

Vielköpfiger Flugdrache
Märchenfrosch am Brunnen Wackelhexe
Tafelrunde im Königreich Welfenallee

Und falls all die Biederkeit zu langweilig wird? – Ab in die S-Bahn und nach „Berlin“!

S-Bahnhof Frohnau

 

 

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